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FRAUENARBEIT

Die Quadratur des Kreises  

Gedanken zur psychotherapeutischen Frauenarbeit in der Habichtswaldklinik 

Einleitung  

1. Leicht anfangen - wie die therapeutische Frauenarbeit hier begonnen hat.
2. Warum Frauentherapie / Frauenarbeit  in einer ganzheitlichen Klinik?
3. Entwicklungspsychologischer Exkurs
4. Miteinander von Frauen
5. Die Bedeutung des Raumes in der Frauenarbeit
Schlußbetrachtung 
 

Frauenarbeit - Einleitung 

Die Überschrift „die Quadratur des Kreises“ ist ziemlich in den Anfängen unserer Beschäftigung damit, über unsere Arbeit etwas zu schreiben, aufgetaucht. Zwei assoziative Richtungen haben sich damit verbunden: einmal die Phantasie, dass diese Redensart etwas zu tun hat mit dem, was Frauen in unserer Gesellschaft erleben, dass Rundes eckig gemacht werden soll. Wieso denn eigentlich ?

       Kann nicht ein Kreis rund bleiben und ein Quadrat eckig ?

       Eine Frau Frau sein und ein Mann Mann ?

Das andere, weswegen wir die Überschrift passend fanden, war das Gefühl, dass wir in unserer Frauenarbeit in der Klinik permanent etwas tun, was irgendwie unmöglich ist und irgendwie aber doch auch machbar.  

Dazu folgendes: „die Quadratur des Kreises suchen - eine Aufgabe lösen wollen, die eigentlich unlösbar ist. Das mathematische Problem, von dem sich die Redensart ableitet, besteht darin, einen vorgegebenen Kreis nur mit Hilfe von Zirkel und Lineal in ein flächengleiches Quadrat zu überführen. Den Beweis für die Unlösbarkeit der Aufgabe brachte  F. Lindemann 1882,  indem er die Transzendenz der Kreiszahl nachwies“1.

Es ist ersichtlich, dass die Aufgabe keineswegs generell unlösbar ist, nur eben unter den vorgegebenen Bedingungen. Dass die Redensart verwendet wird, als sei sie ein Hinweis auf grundsätzlich Unlösbares, finden wir bedeutsam. So schnell kann's gehen, dass man festsitzt im entweder - oder, geht oder geht nicht, in der Polarität.

Die Systemiker raten in solchen Fällen dazu, die Regeln zu ändern und nennen ein System, z.B. eine Familie, gesund, wenn sie in der Lage ist, bei Notwendigkeit Anpassungen an neue oder veränderte äußere oder innere Gegebenheiten vorzunehmen. Systeme, die dazu nicht in der Lage sind, versuchen es mit ihren für den Fall ungeeigneten Mitteln nach dem Motto, „mehr desselben“ - bis zur Katastrophe.

Um die Regeln eines Spiels zu verändern ist die Einnahme einer neuen Ebene, von der aus  man Spiel und Spielregeln überschauen kann, also der Metaebene, erforderlich. 2

So betrachtet, könnte, wenn wir es unternehmen, unsere Arbeit mal von einer Metaebene aus zu betrachten - und das ist erforderlich, um darüber schreiben zu können - nebenbei mehr Überblick über Spiel und -regeln sich ergeben. Wir werden sehen ...... und auf die Quadratur des Kreises später zurückkommen.

1. Leicht anfangen - wie die therapeutische Frauenarbeit hier begonnen hat.  

                „Das Leichte ist richtig.
                 Beginne richtig und es ist leicht.
                 Fahre leicht fort, und es ist richtig.
                 Der richtige Weg, das Leichte zu
                 finden, ist, den richtigen Weg
                 zu vergessen und zu vergessen,
                 dass er leicht ist.“

                                              -Dschuang Tsu-

Die PTH 3 als dritte psychosomatische Abteilung mit 50 PatientInnen, 16 Mitarbeiterinnen und 2 Mitarbeitern besteht seit Juli 1995. Frauenarbeit (damit ist im weiteren psychotherapeutische Frauenarbeit gemeint) hat aber im Grunde begonnen, als die psychosomatische Klinik im Mai 1987 ihre Arbeit aufgenommen hat, denn von Anfang an war - wie in allen vergleichbaren psychosomatischen Kliniken - die Mehrzahl der Patienten Frauen. So hat sich Frauenarbeit zunächst ergeben. Die Bezeichnung „Frauenarbeit“ wurde aber erst ab dem Zeitpunkt verwendet, als es eine auch so benannte Frauengruppe gab, ins Leben gerufen von Frauen, Psychotherapeutinnen, die sich für „Frauensachen“ engagiert haben und Notwendigkeiten erkannt haben. Dieser Anfang ausgesprochener Frauenarbeit verlief, wie MitarbeiterInnen versichern, die sich an die Zeiten noch lebhaft erinnern - nicht ohne Schwierigkeiten und Auseinandersetzungen, aber es gelang damals, etwas von der Basis der MitarbeiterInnen her ins Leben zu rufen, was inzwischen gewachsen und anerkannt ist.

Dass dies möglich war, hat viel zu tun mit Liebe und Engagement der Frauen, die sich dafür einsetzen, aber auch mit der Haltung der Klinikleitung, die das zugelassen und im Verlauf aktiv unterstützt hat. Mit dem Chefarzt der Abteilung, der unter Spiritualität versteht, „wenn einer mit Liebe seine Arbeit macht“ und den MitarbeiterInnen Raum lässt, mit dem Verwaltungsleiter, dessen MitarbeiterInnenführung von Liebe, Humor und Respekt getragen ist, und der es wagt, ein gewisses Maß an „Unordnung“ in der Klinik zuzulassen im Bewusstsein, dass Ordnung ohne dieses gewisse Maß an Unordnung lebensfeindlich wird, da die Möglichkeiten zur Weiterentwicklung erstickt werden.3 

Last not least mit dem Klinikträger, der ermutigt zu mutigen Schritten und zum Nichtnachlassen im Bemühen, den Dingen auf den Grund zu gehen, Zusammenhänge zu erfassen und die Arbeit fruchtbarer zu machen, und der die materiellen Voraussetzungen zur Verfügung stellt.

So gesehen war die Gelegenheit - ohne die nachfolgenden Schwierigkeiten verkleinern zu wollen - günstig und frau hat sie erkannt und genutzt - das ist gemeint mit leicht anfangen, diese Entwicklung in kleinen Schritten, das Erkennen des richtigen Zeitpunktes.

2. Warum Frauentherapie / Frauenarbeit in einer ganzheitlichen Klinik ?  

Wir verstehen unter Ganzheitlichkeit Vollständigkeit, nicht Vollkommenheit.

In den letzten zehn Jahren ist den im psychotherapeutischen Bereich Tätigen deutlich geworden und in fachlich kompetenten Artikeln wurde es vielfach formuliert, dass psychodynamische Vorstellungen und Konzepte der Vergangenheit, wenn sie von Menschen sprachen, Männer meinten. Die Theorien über weibliche Entwicklung und Entwicklungsstörungen waren für Frauen wenig überzeugend. Die Frau war darin entworfen komplementär zum Mann; in der Polarisierung weiblich - männlich waren männliche Qualitäten diejenigen, die gesellschaftlich positiv konnotiert (= die sprachlichen Nebenbedeutungen und Bedeutungsnuancen betreffend) wurden, weibliche Qualitäten verkörperten eher die Schattenthemen der Gesellschaft (stark-schwach, mutig-ängstlich, zupackend-zögernd).

Frauen waren damit in einer gesellschaftlichen Sündenbockfunktion, indem ihnen die Themen aufgeladen waren, die gesellschaftliche Schattenthemen sind. Sündenböcke haben eine Funktion, sind Objekt für ein Subjekt und tragen etwas für das Subjekt, damit das sich besser fühlt und an Selbstwert gewinnt.

Die etablierten patriarchalen Traditionen sind hinlänglich bekannt und weiterhin wirksam und pathogen - nicht nur für Frauen, aber für sie insbesondere.

Aber langsam spricht sich parallel zu gesellschaftlichen Veränderungen herum, dass Frauen anders sind (Männer auch).4

Wir halten es für notwendig und sinnvoll, dass Frauen die Möglichkeit haben, wenn sie das wollen, in der stationären Psychotherapie ein frauenspezifisches Angebot zu finden, um im weiblichen Kontext ihr Eigenes zu finden, was ihnen fehlt zu ihrer Vollständigkeit und ihrer Heilung.

Dieses Spüren, was einer Frau fehlt, ist ein Prozess, der Zeit braucht - unterschiedlich viel - einen geschützten Raum, eine wohlwollende, respektvolle, haltgebende Atmosphäre und Menschen, die begleiten.

Es gibt zwei relativ weit verbreitete Arten, den Ganzheitsbegriff falsch zu verstehen und eine Abgrenzung davon ist uns wichtig: einmal wird Ganzheit fehlgedeutet im Sinne von Ganzheit = alles, Ganzheitsmedizin = Allesmedizin.

Manche Patienten kommen mit dieser Vorstellung in die Klinik und mit dem Gedanken „viel hilft viel“. Dabei wird Quantität überbewertet im Sinne weit verbreiteten Konsumdenkens und Qualität vernachlässigt. Qualität ist aber gerade kennzeichnend für das Streben nach Ganzheitlichkeit, wie wir sie verstehen. Das heißt genau hinzuhören, hinzuschauen, hinzuspüren, was fehlt, was es ist, was sie braucht, wonach sie sich sehnt. Wenn das fehlt, wenn gearbeitet wird nach dem Gießkannenprinzip, viel hilft viel, führt Sehnsucht zur Sucht und nicht zum Heil.

Das zweite Missverständnis ist die Gleichsetzung von Ganzheit mit Vollkommenheit im Sinne von Perfektion. Das führt in eine andere Sackgasse, nämlich gleich wieder in die Polarität, wenn wir Vollkommenheit so verstehen, wie es in unserem kulturellen Zusammenhang üblich ist. Dann würde Vollkommenheit so etwas heißen wie gut sein wollen, Vertrauen haben, Angst und alle schlechten und ungesunden Gewohnheiten aufgeben.. .soweit waren unsere Patientinnen ja gewöhnlich zu Hause auch schon, haben sich bemüht, haben gute Ratschläge bekommen, haben mit sich gekämpft und sind gescheitert.

Ganzheit im Sinne von Vollständigkeit heißt, alles anerkennen, was da ist, heißt, liebevoll und genau hinschauen, auch auf die Lücken im System, wo etwas fehlt, etwas im Schatten liegt. Wenn alles gewürdigt wird in seiner Bedeutung für den Menschen, um den es geht, heißt das keineswegs, dass alles erlaubt ist an Verhalten, dass es keine Regeln und Grenzen gibt, sondern es heißt, dass es im therapeutischen Miteinander Zeit und Raum gibt, alles zum Ausdruck zu bringen.

Was wir damit meinen, soll im folgenden ausgeführt werden.  

Zuvor ist aber noch ein Ausflug in modern entwicklungspsychologische Erkenntnisse erforderlich, um für das Folgende eine Basis zu schaffen.

3. Entwicklungspsychologischer Exkurs

Mit der Entwicklung der Objektbeziehungstheorie in den letzten 30 Jahren ist über die Beschäftigung mit dem Ich und seinen inneren Objekten immer mehr Interesse für die frühen Beziehungen zwischen Selbst und Anderen entstanden. Wir wollen auf neuere Erkenntnisse der Säuglingsforschung hinweisen, die Menschen, die Kontakt mit kleinen Kindern haben, Müttern und Vätern etwa, schon lange bekannt sind.

Neugeborene können schon gleich nach der Geburt ihre Mutter von anderen Menschen unterscheiden und bevorzugen sie vor anderen.5 Mütter projizieren eigene Gefühle auf das Kind, sehen das Neugeborene aber auch als neues Gegenüber, als einmalige, ganz eigene Person. Die Mutter ist dankbar für die Kooperation des Kindes, seine Bereitschaft sich trösten zu lassen, ihre Nahrung anzunehmen, für seinen Blick in ihr Gesicht.

Die Mutter lebt mit dem Paradoxon, dass das Kind zugleich vertraut und fremd und neu ist. In allen vielfältigen und wechselhaften Gefühlen der ersten Zeit ist wichtig und entscheidend für die sich entwickelnde Beziehung zwischen Mutter und Kind „die Befriedigung, die die Mutter empfindet, wenn das Kind mit all seiner ungeschickten Intensität auf sie reagiert, aktiver Partner in der Beziehung ist und als kompetenter Säugling bei der Betreuungsperson genau das hervorrufen kann, was er braucht“6 .

Ein Prozess gegenseitiger Anerkennung zwischen Mutter und Kind entwickelt sich von Anfang des Lebens an und dazu gehört stets dies Paradoxon von Anderssein und Zusammensein.

Dieses Phänomen wird von der New Yorker Analytikerin Jessica Benjamin als Intersubjektivität bezeichnet; zwei Subjekte begegnen sich, sind im aktiven Austausch miteinander, schwingen miteinander, beziehen sich aufeinander, haben Eigenes und Gemeinsames zur selben Zeit.

Menschen sind vom ersten Augenblick an soziale Wesen, vom ersten Augenblick an ist soziale Stimulation, menschliche Wärme und freundlicher Austausch für die Entwicklung unentbehrlich7 .

Von Anfang an lebt das Kind nicht in undifferenzierter Symbiose, sondern interessiert sich für die Anderen und grenzt sich auch ab.  

Diese Erkenntnisse lenken auf eine zentrale Frage: wie gehen wir Bindungen zu anderen ein und finden und geben Anerkennung in Beziehungen, um uns selbst als Menschen zu entwickeln und uns lebendig fühlen zu können?

Wir gehen davon aus, dass seelisches Leben sich von Anfang an in diesem Raum der Intersubjektivität entwickelt und dass es von Anfang an nicht um Symbiose und Loslösung geht, sondern immer um ein sowohl als auch von Eigenem und aufeinander Bezogenem, von Anerkennung und Selbstbehauptung.

Voraussetzung für wechselseitige Anerkennung ist, dass auch die Mutter Subjekt ist, Gegenüber, die etwas Eigenes in die Beziehung zum Kind einbringt.

Wenn auf dieser Basis in der Beziehung zwischen zwei Subjekten Einklang erfahren wird, wird damit auch die Grundlage gelegt für die spätere Fähigkeit, in der Liebe Verschmelzung zu genießen ohne Angst vor Selbstauflösung.

Das Gleichgewicht zwischen Anerkennung und Selbstbehauptung in Beziehungen und besonders natürlich in Abhängigkeitsbeziehungen ist immer ein labiles Gleichgewicht, immer gefährdet zusammenzubrechen. Das ist aber noch nicht problematisch - wenn es immer wieder hergestellt wird.

Problematisch wird es, wenn kein Gegenüber da ist, sondern immer nur Nachgiebigkeit, wenn eine, egal, was sie tut, die Andere als Andere nicht spüren kann, dann wird alles leer, bedeutungslos, wird sie uferlos im verzweifelten Versuch, die Andere irgendwie erreichen zu können, eine Grenze spüren zu können, die vermittelt, dass nicht alles gleich gültig ist.

Das Realisieren einer äußeren Realität ist wichtig für das Gefühl von Authentizität, das hat schon Winnicott gefunden, als er gefragt hat nach der Entwicklung des „falschen Selbst“9 .

Carol Gilligan und Lyn Brown  haben in einer großen, über fünf Jahre laufenden Untersuchung festgestellt, dass für Mädchen die Zeit der Pubertät eine kritische Schwelle ist, mit hoher Gefahr, bis dahin entwickelte Authentizität, soziale Kompetenz und Beziehungsfähigkeit wieder zu verlieren. Viele psychosomatische Erkrankungen von Frauen beginnen in dieser Zeit (z.B. Essstörungen).10

Soweit unser Exkurs.  

Wir sehen das Denken in Polaritäten im zwischenmenschlichen Bereich wie auch - daraus sich entwickelnd - im innerseelischen Bereich als einen wesentlichen Grund für die Probleme von Frauen und daraus resultierende Symptomatik, die sie in unsere Therapie führen.  

4. Miteinander von Frauen 

„Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile, 
die Beziehungen der Teile untereinander kommen hinzu.“

-Fritjof Capra-  

Echte zwischenmenschliche Beziehungen und innere Lebendigkeit, Vollständigkeit, Ganzheit und Verbundenheit mit der Welt und Anderen bedingen einander. Das Erleben von Sinn, Liebe, Kompetenz, Schaffenskraft, Funktionslust entwickelt sich im Spannungsfeld von Anerkennung und Selbstbehauptung.

Echte Beziehungen, also Beziehungen zwischen Subjekten sind heilsam. Voraussetzung dafür, solche Beziehungen mit Patientinnen herstellen zu können ist, dass wir es miteinander können. Das ist im Rahmen einer Institution, wo hohe und möglichst reibungslose Funktionalität erwartet wird, wo hierarchische Strukturen zu beachten sind, wo nicht nur Patienten sondern auch Klinikbelange permanente Flexibilität erfordern, gar nicht einfach.

Wir erinnern an das Gefühl von „Quadratur des Kreises“.

Es kann immer wieder gelingen, wenn bei jeder Einzelnen - immer wieder, nicht permanent - die Bereitschaft da ist und der Mut, in echten Kontakt zu gehen, das Wagnis einzugehen, sich zu zeigen, zu Wort zu melden, die Stimme zu erheben und die Bereitschaft zu hören, was Andere sagen, empfinden, wollen. Dieser Austausch braucht Raum und Zeit, immer wieder. Wir haben ihn vorsichtig begonnen und überwiegend gute Erfahrungen miteinander gemacht. Was nicht ausschließt, dass diese Prozesse aufregend und anstrengend sein können.

Wenn sie gelingen, ist ein Zuwachs an Energie und Vertrauen für Alle spürbar, ein Gefühl von Miteinander und Freude, das wir ansonsten im Zusammenhang mit Freundschaft und Liebe kennen.

Wichtig - wenn Differenzen groß sind und nicht leicht zu überbrücken, wenn Ärger, Zorn und Enttäuschung aneinander im Raum sind - ist die Erfahrung, dass die Beziehung überlebt, dass nichts endgültig zerstört wird und dass Machtpositionen nicht ausgenutzt werden, sondern sehr bewusste Zurückhaltung geübt wird.

Dieses Miteinander im Team, das zugleich das ganz Eigene jedes und jeder Einzelnen berücksichtigt, ist über manche Zeiten wie ein Spiel, in dem alle an Kompetenz gewinnen und das zu spielen lustvoll und wunderbar ist. Manchmal ist es anstrengend und zäh und manchmal bricht das Spannungsfeld vorübergehend zusammen. Bisher ist es uns immer gelungen, den Faden wieder anzuknüpfen. Wir rechnen damit, dass das weiter gelingen wird, weil die Motivation, das als Basis unserer Arbeit immer wieder hinzukriegen, groß ist, wir rechnen aber auch damit, dass es spannend bleibt und nicht etwa mit zunehmender Erfahrung im Miteinander immer einfacher wird, denn wir wagen uns mit steigender Spielstärke auch an heißere Eisen, schwierigere Themen, wagen es, Unterschiede und Differenzen deutlicher zu machen, riskieren es, uns mit eher negativ konnotierten (= die sprachlichen Nebenbedeutungen und Bedeutungsnuancen betreffenden) Gefühlen zu zeigen.

Insgesamt hatten wir bisher ein ganz gutes Gefühl dafür, was in der jeweiligen Phase unserer Teamentwicklung möglich war, haben überwiegend eine Politik der kleinen Schritte betrieben, wie das auch sinnvoll ist bei einem Neuanfang, bei dem die meisten nicht nur in diesem Team miteinander neu angefangen haben, sondern auch in der Habichtswald-Klinik. Wir mussten also bei insgesamt liebevoller und freundlicher Atmosphäre in der Klinik doch mit vielen Unbekannten rechnen.

Italienerinnen nennen das Affidamento, der Begriff bezeichnet das vertrauensvolle Verhältnis unter Frauen, das aus der Anerkennung ihrer Verschiedenheit entsteht - ein Modell für neue weibliche Beziehungen, Beziehungen zwischen Subjekten, echte Beziehungen.  

Viele Frauen, die sich für die Frauengruppen anmelden, haben sich aus solchen echten Beziehungen sehr weit zurückgezogen. Oft sind es Frauen, die in ihrem Leben wenig Erfahrung mit Intersubjektivität haben, weil kein Gegenüber vorhanden war, das als eigenständiger Mensch erkennbar war, das ist ja ein Problem, das von Generation zu Generation weitergegeben wird.

Oder sie wurden als Objekte gebraucht bis hin zu schwerem Missbrauch. Oder die für Frauen in der Pubertät anstehende Wendung hin zum Mann wurde - wie es kulturell hier weit verbreitet ist - in der Art der eingangs geschilderten  Polarisierung so vollzogen, dass die Töchter ihre schwachen oder als schwach erlebten Mütter verleugnet haben und sich selbst mit der väterlichen Repräsentanz von Leistung, Intellekt und Stärke identifiziert haben. Mit dieser Entwertung der Mutter geht aber auch eine Entwertung der eigenen Weiblichkeit bis zum Selbsthass einher, die Mutter wird in der eigenen Person bekämpft. Die Trennung von der Mutter ist dann gleichbedeutend mit Trennung von weiblicher Subjekthaftigkeit und eine - oft nach gängigen Klischees attraktive, aber irgendwie leblose, depressive, angstvolle oder essgestörte, fassadenhaft wirkende junge Frau bleibt übrig. 

Oder - wenn die Hürde der Pubertät genommen werden konnte - sind dann später Andere an weiteren lebensrelevanten Veränderungen gescheitert - wenn die Kinder aus dem Haus gehen, die Wechseljahre beginnen, die körperliche Attraktivität nachlässt oder am Ende der Berufstätigkeit. Das sind oft die Patientinnen, die von den beiden Polen der Weiblichkeit - Einfühlsamkeit und Selbstgenügsamkeit - in der Vergangenheit nur die eine Seit gelebt haben, die gesellschaftlich anerkannte Seite der Einfühlsamkeit in andere. 

Und wenn sie in der Therapie auf die Notwendigkeit stoßen, die andere Seite zuzulassen, geschieht das oft heftig und ist zeitweilig sozial schwer verträglich, dieses einsame Um-sich-selber-kreisen, das Desinteresse am andern bis zur Kälte, diese manchmal wütende, manchmal verzweifelte Forderung, dass sie jetzt gefälligst selbst und ganz und sofort im Mittelpunkt stehen. 

Und wenn es dann den Raum dafür gibt, ist es doch wieder sehr schwer, den auch zu nehmen, kommt Angst auf vor den eigenen, in der Dunkelheit liegenden Kräften und Wünschen, ist oft Sprachlosigkeit da und braucht es seitens der Therapeutinnen liebevolle, geduldige Ermutigung, um dem, was andrängt, ins Leben zu helfen - und oft braucht es viel Zeit, muss der Weg Schritt für Schritt gegangen und begleitet werden, müssen nach mutigen Fortschritten angstvolle Rückschritte in Kauf genommen werden und muss zunächst die Therapeutin aus ihrer Erfahrung heraus stellvertretend für die Patientin in diesem mühevollen Prozess den Glauben bewahren an Sinn, Heilung, Ganzwerdung und die Entwicklung der Fähigkeit, diese beiden Pole der Weiblichkeit zu integrieren und zu leben.

Die Frauen in der therapeutischen Arbeit da abzuholen, wo sie sind, ist nicht so einfach, weil das oft anfangs wirklich keiner weiß, wo sie sind, sie selber nicht und wir schon gar nicht. Wenn die Patientinnen es aber wissen, haben sie oft gute Gründe, es zu verbergen, die Therapeutin suchen zu lassen und erstmal zu sehen .... zu sehen, ob wir echt sind oder ob frau hier nach Schema F abgefertigt werden soll, ob man wieder nur die Kuh ist, die gemolken werden soll, die, die die Kohle ins Haus bringt, die, über die die Fachleute schon alles zu wissen meinen, ohne richtig zuzuhören.

Diese Anfangsphase der Therapie ist oft ein Test voller Skepsis, Misstrauen und großer Angst, sowohl davor, wieder übersehen zu werden, wieder nicht wirklich gemeint zu sein als auch davor, gesehen zu werden und dann nie wieder gehen zu wollen, wie ein ganz kleines Kind noch einmal ganz von vorne anfangen zu wollen und zu müssen - und dann der Druck der befristeten Kostenzusage.......

Viele unserer Patientinnen sind nur zu erreichen, wenn sie sich sicher genug fühlen, dass unser Interesse, bzw. das der zuständigen Therapeutin in erster Linie, wirklich echt ist, dass sie gemeint sind. 

Regeln, Grenzen, Absprachen, Termine werden anfangs ganz schnell als Beweis dafür genommen, dass auch unser Angebot nicht echt ist, dass auch bei uns Prinzipien mehr gelten als Menschen.....

Was hilft? Wirkliches Zuhören, Echtheit der Therapeutin in ihrem Interesse für die Neue, Spielraum lassen im Gespräch, immer wieder Bereitschaft zum Gespräch über Grenzen und den Rahmen der Behandlung, Klarheit und auch Elastizität im Umgang mit den Grenzen.

Dabei ist ganz wichtig, dass die Therapeutin auf sich achtet, auf das, was für sie im Kontakt stimmt und vertretbar ist, und dass sie auf ihre Grenzen achtet und diese in den Kontakt auch einbringt, dass sie als Subjekt vorhanden bleibt in allem Ringen um die Bereitschaft zu Verständnis.

Diese Themen spiegeln und polarisieren sich oft im Team und können meist ein Stück weit verstanden und quasi vorverdaut werden.

Oft helfen Kontakte zu Mitpatientinnen beim Einstieg - zu den Patinnen. Manchmal ist es leichter, Kontakt zu Leidensgenossinnen herzustellen, weil da die Angst vor Abhängigkeit weniger groß ist, manchmal geht das auch gar nicht, wenn das Selbstwertgefühl so reduziert ist, dass jede Andere auf gleicher Ebene intrapsychisch gleich genauso entwertet und verdinglicht wird wie frau sich selbst erlebt, nach dem Motto  „jede, die sich ohne es zu müssen, mit mir abgibt, kann doch nur ein wertloses Stück Dreck sein, sonst würde sie das nicht tun.“  

Wenn diese Anfangshürden genommen sind, ein Arbeitsbündnis etabliert ist, zumindest punktuell Begegnung möglich geworden ist, was kommt dann?

Was ist erforderlich, damit die Arbeit heilsam wird, frau sich ihrer Ganzheit nähern kann?

Jetzt gibt es viele Möglichkeiten, unter denen Therapeutin und Patientin gemeinsam eine Wahl treffen, die der jeweiligen Patientin möglichst maßgeschneidert sein soll.

Das ist nun auch wieder so ein Kunststück von der Art der Quadratur des Kreises, etwas, das bei vielen Patientinnen ein Ding der Unmöglichkeit zu sein scheint, denn wie soll das gehen, wenn das Selbst der Patientin ja noch ganz versteckt, ganz unbekannt ist, da kann man mit noch so feinen Schneiderkünsten Glück oder Pech haben, da sind die ausgefeiltesten therapeutischen Techniken zwar wichtig, aber nicht ausreichend.

Damit kommen wir zum nächsten Punkt, das ist   

5. Die Bedeutung des Raumes in der Frauenarbeit  

„An den Küsten endloser Welten spielen Kinder“

-Tagore zit. n. Winnicott-
 

In Anlehnung an feministische Psychoanalytikerinnen wie Jessica Benjamin und Donna Bassin verstehen wir in einem weiten und symbolischen Sinn die Metapher des inneren Raumes als Bild für weibliche Sexualität, Begehren, Authentizität, Vitalität. Dieses Verständnis entwickelt sich zum einen aus der weiblichen Anatomie, in der die Innenräume von Gebärmutter und Vagina zentrale Orte der Weiblichkeit sind, zum anderen aus den entwicklungspsychologischen Erkenntnissen, nach denen sich Authentizität, eigenes Wollen und Begehren von früh an im Zwischenraum zwischen zwei Menschen entwickelt. Dieser Raum der Intersubjektivität ermöglicht es dem kleinen Kind in der unaufdringlichen, beschützenden und anerkennenden Gegenwart der Mutter alleine zu spielen und zu entdecken. „Im entspannten Klima dieses Raumes können wir unsere eigenen Impulse (Triebe) als von innen kommend spüren und als eigenes Begehren kennenlernen.“11

Wenn Frauen diesen innerseelischen Raum für sich, in sich gefunden haben, können sie aus dieser „leeren Mitte“ heraus spüren, was ihr Begehren ist, ihr Wollen, Ihr Sehnen und können sich selber halten, können gut mit sich alleinsein. Der innere Raum, wenn er in der Seele der Frau repräsentiert ist, kann sowohl Halt, Schutz, Geborgenheit und Sicherheit geben als auch Weite und Offenheit. Er kann in der Offenheit und Weite der Ort sein, wo das Selbst geboren wird wie Venus aus dem Meer.

Winnicott hat wie vom Übergangsobjekt auch vom Übergangsraum gesprochen, in dem das Kind spielen und Dinge erschaffen kann, in der Außenwelt ähnlich wie in der Phantasie und so die Grenze zwischen innen und außen erleben kann „ Freude an der und Liebe zur Realität“ entwickeln und ein Gefühl von Lebendigkeit und Authentizität.

In der Therapie können solche Raum- und Selbsterfahrungen gemacht werden z.B. beim Singen, wo die Erfahrung des inneren Raumes da ist, der tönt, in dem der Atem fließt, beim Tanzen - die Bewegung im Raum mit anderen, die Erfahrung von Zwischenraum, rhythmisches Spiel von Nähe und Distanz. In der Einzeltherapie und zeitweilig auch in der Gruppe kann etwas dem Übergangsraum Vergleichbares entstehen, Spielraum sein zum Ausprobieren, sich erfahren.

Noch eine in der therapeutischen Gruppe immer wiederkehrende Erfahrung, aber auch in der Ausdrucksmalgruppe und in der Atemtherapie ist die des „Alleinseins in Gegenwart der Anderen“ 12, zugleich bei den Anderen und ganz bei sich zu sein, ein entspanntes Loslassen, das zwischen Selbst und Anderen eine ebenso wichtige Fähigkeit ist wie Sich-Einlassen.

Weiterer wichtiger Platz für die Erfahrung des inneren Raumes kann die Meditation sein.

In der Therapie können weiter die Verwendung von Märchen und Mythen neue innere Räume eröffnen und bilden oft eine Brücke, um sich in eigene Innenräume zu wagen, in die man sich vorher nicht getraut hat, die Angst gemacht haben oder nicht akzeptabel erschienen und daher möglichst gemieden und im Dunkel gelassen wurden.

Ebenso ist Zugang zu eigenen inneren Räumen zu gewinnen im Ausdrucksmalen, beim Töpfern, beim Tagebuch schreiben, das wir unseren Patientinnen oft empfehlen.

Gemeinsames Fühlen und Entdecken in der Gruppentherapie und auch außerhalb der Therapiesitzungen in Gesprächen schafft einen intermediären Raum, den frau für sich nutzen kann.  

Die an den Anfang des Abschnitts gestellte Metapher ist ein Bild für Offenheit, Weite und Grenze zugleich, ein sicherer, nicht eingeengter Raum der grenzenlosen Möglichkeiten, wo Leben in seiner wunderbaren Vielfalt entdeckt werden kann.

Wenn Frauen in der Therapie den Zugang zu ihren inneren Räumen wiederfinden, verwenden sie oft die Metapher des inneren Kindes. Diese Entdeckungsreisen begleiten zu können und an dem, was geschieht, beteiligt zu werden, ist für uns immer wieder sehr bewegend, und es wird ganz spürbar, dass diese heilenden Räume heilige Räume sind.

Schlußbetrachtung  

Wir wollen am Ende unserer Ausführungen noch einmal auf die „Quadratur des Kreises“ zurückkommen.  

Wenn wir das Quadrat als männliches Symbol verstehen und den Kreis als weibliches, meinen wir, dass es sinnvoll ist, sich auf das Unternehmen Quadratur gelegentlich und vorübergehend einzulassen und zwar so, dass Frauen - wie sie es in der Vergangenheit und Gegenwart zunehmend tun - ihre männlichen Seiten und Fähigkeiten entwickeln, um vollständige Subjekte zu werden, Menschen, die soziale Kompetenz haben, die im gesellschaftlichen Leben etwas bewirken können, die Möglichkeiten des Selbstausdrucks finden.  

Um diese bis heute eher von Männern repräsentierten Seiten entwickeln zu können, ist es manchmal erforderlich, mit den geltenden Regeln etwas zu spielen, die Dinge von einer Metaebene aus zu reflektieren und hier und da Veränderungen vorzunehmen (die Systemiker sagen, dass kleine Veränderungen manchmal große Wirkungen haben).

Genauso wichtig ist aber, im Auge zu behalten, dass Quadrate nicht besser sind als Kreise, sondern anders. Das heißt, die weiblichen Qualitäten - das ist auch eine gesellschaftlich sich verstärkende Tendenz - nicht mehr abzuwerten, sondern zu würdigen, zu pflegen, zu schätzen und zu genießen was nährend, haltend, bewahrend, fürsorglich, zärtlich und spielerisch ist.

Das heißt auch, die dunklen Seiten der Weiblichkeit, die im Schatten des Unbewussten liegen und von dort als Symptome, Leid, Schmerz und Angst sich bemerkbar zu machen versuchen, zu respektieren, anzuerkennen und ihnen Raum und Ausdrucksmöglichkeit zu geben, damit Frauen zu ihrer weiblichen Stärke finden können und sich als Ganzes erleben können.  

Wir sehen in der Verbindung von Subjektivität und Weiblichkeit eine große Aufgabe und freuen uns, dass in der Habichtswald-Klinik Raum dafür ist.

Anmerkungen / Literatur:  

1. Lutz Röhrich, „Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten“.
2. Paul Watzlawick „Münchhausens Zopf oder Psychotherapie und Wirklichkeit“.
3. Paul Watzlawick „Münchhausens Zopf oder Psychotherapie und Wirklichkeit“.
4. in Assoziation zu dem Buchtitel von J. Gray „Männer sind anders - Frauen auch".
5. T.B. Brazelton, J.Mac Farlane, G. Carpenter, A. Delasper, W. Fifer.
6. Jessica Benjamin „Die Fesseln der Liebe“.
7. Jean Piaget  „Der Aufbau der Wirklichkeit beim Kinde“.
8. Daniel Stern „Mutter und Kind. Die erste Beziehung“.
9. D.W. Winnicott „Vom Spiel zur Kreativität“.
10. Carol Gilligan, Lyn Brown „ Die verlorene Stimme“.
11. J.B. „Fesseln d.L.“
12. D.W. Winnicott.

Ihre Mitarbeiterinnen der Psychosomatischen Abteilung / Schriftführung T. Fischer

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Aktualisiert: Juni 2010

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